Fisch- oder Vogelschwärme bewegen sich in verblüffenden Formationen. Jedes Tier hat seinen Platz, gelenkt durch unsichtbare Gesetzmäßigkeiten. Bienenschwärme peilen scheinbar wie von selbst die pollenreichste Blumenwiese an.
Einige wenige informierte Bienen können die anderen leiten, indem sie einfach schneller fliegen als die anderen und die richtige Richtung einschlagen. Damit lösen sie eine Kettenreaktion aus, denn die nicht informierten Bienen schließen sich einfach ihren Nachbarn an.(Aus: Schwarmintelligenz)
Ameisen arbeiten nach so außerordentlich differenzierten Strukturen, dass Forscher die Ameisenkolonie mit einem Superhirn vergleichen. Dass diese Gesetzmäßigkeiten, die Schwärme von Heuschrecken, Tunfischen, Zugvögeln oder Bakterien regeln, auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen werden können, macht die Spannung dieses Buches aus. Denn das Thema der Schwarmintelligenz und des Verhaltens von Massen ist heute interessanter denn je: Noch nie war die Menschheit so vernetzt, nie waren Städte größer und dichter besiedelt. Architekten greifen auf die Forschungsergebnisse der Schwarmforscher zurück, wenn sie öffentliche Räume gestalten, Unternehmen verwenden sie, um ihre Produkte anzubieten, politische Gruppen, um über soziale Netzwerke im Gespräch zu sein.
Len Fishers Buch besticht nicht nur durch seine klare Sprache und durch einfache Erklärungen komplizierter Phänomene. Es lebt auch von den vielen, kurzen Anekdoten über Wissenschaftler, die sich wie er mit Schwärmen, egal ob tierischer oder menschlicher Natur, beschäftigt haben. Seine Tipps für das alltägliche Leben zeigen die sinnvolle Nutzung von Massenintelligenz im „menschlichen Schwarm" auf.

Selbstorganisation in einem Schwarm Fische. Diese entsteht, weil jeder Fisch Reynolds drei Gesetzen folgt. Schwarm Hochrücken-Füsiliere, Caesio cuning, German Channel, Mikronesien, Palau (s. im Buch S. 25)
Len Fisher über schwarmintelligentes Verhalten und was wir von Insekten lernen können
Könnten Sie ein Beispiel für Schwarmintelligenz in unserem alltäglichen Leben nennen?
Wenn wir zum Beispiel eine Abkürzung durch eine Wiese nehmen. Durch Schwarmintelligenz wird schnell der effizienteste Weg erkennbar (und verstärkt).
Hätte die Massenpanik bei der Love Parade in Duisburg vor wenigen Wochen verhindert werden können, wenn man die Erkenntnisse der Schwarmintelligenz angewandt hätte?
Der beste Weg, solche und ähnliche Katastrophen zu verhindern, wäre gewesen, dass die Organisatoren im Vorhinein den Rat von Experten zu vertretbaren Zahlen und Frequenzen des Eintritts eingeholt hätten, insbesondere für eine Situation, in welcher sich Menschenmassen durch einen engen Tunnel bewegen mussten, sodass die Raumdichte sich zwangsläufig erhöhte. Ich frage mich manchmal, ob es nicht verbindlich vorgeschrieben sein sollte, dass Organisatoren von größeren Events in solchen Angelegenheiten ausgebildet werden und ebenso vor größeren Veranstaltungen den Rat von Experten suchen, annehmen und anwenden. Das Fachwissen ist sicherlich vorhanden, dank der Arbeit von Dirk Helbing in Zürich und anderen.
Wie funktioniert schwarmintelligentes Verhalten?
Es funktioniert, indem es das Ganze größer als die Summe seiner Teile macht, wie wenn einem Orchester plötzlich eine wundervolle Interpretation gelingt, von der keiner der einzelnen Musiker gedacht hat, dass sie zu so etwas fähig wären, bis sie mit den anderen zusammengetroffen sind.
/// Das Buch
Len Fisher
Schwarmintelligenz
Wie einfache Regeln Großes möglich machen
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
19.95 Euro, 33.50 sFr
ISBN 9783821865256
/// Vita Len Fisher
Len Fisher, geboren 1942, ist Physiker an der Universität Bristol, Mitglied der Royal Society of Chemistry und Kolumnist beim Guardian. Für die Anwendung naturwissenschaftlicher Grundsätze auf Lebensmittel sowie für seine Experimente zur Eintunkzeit von Keksen erhielt er den Spaß-Nobelpreis, der jährlich von der Harvard University für die skurrilsten wissenschaftlichen Forschungsarbeiten verliehen wird.
Von ihm bereits erschienen: Die Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis (2003) und Der Versuch, die Seele zu wiegen (2006).




