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David R. Slavitt
»Das Buch lebt von seinem diskret-indiskreten Stil. Vom konventionellen Denken der Menschen und ihrem sittenlosen Tun. Es strotzt vor philosophischen Überlegungen und einer Ironie, die die Schwächen der Figuren begleitet ... Ein lesenswertes Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte.« Waltraut Worthmann von Rode, hr2 Mikado
»Slavitt wollte offenkundig keine »Lolita«-Geschichte schreiben, sondern einen psychologisch plausiblen Roman über ein Gespinst aus Erinnerung, Verklärung und Verdächtigung ...Was wir in diesen atmosphärisch dichten spätviktorianischen Szenen erkennen können, ist die mitunter schmerzhafte Kollision der Kinderträume mit der Erwachsenenwelt.« Holger Schlodder, NDR Kultur
Alice über alles
Die Kinderliebe des genialen Erzählers Lewis Carroll
Übersetzt von Heide Sommer
Originalausgabe; Einbandpapier mit farbiger, geprägter Metallfolie kaschiert, Fadenheftung und Lesebändchen
32.00 Euro, 42.90 sFr
Juli 2010
Die Andere Bibliothek - Band 306
ISBN:9783821862316
Ein Stück Weltliteratur – und seine verborgene Wahrheit
Jeder kennt und liebt Alice im Wunderland – Alice über alles ist der realistisch und zugleich anmutig erzählte, freilich auch kompromittierende Roman über die Beziehung des Autors Lewis Carroll zu seinen Kinderfreundinnen – und was das Leben aus ihnen machte.
Im Herbst des Jahres 1932 verlieh die Columbia-Universität in New York in feierlichem Zeremoniell der achtzig-jährigen Alice Liddell die Würde einer Ehrendoktorin für ihre Verdienste um die Literatur, die sie als kleine Anregerin der genial-absurden Märchen von Lewis Carroll sich erworben hatte. Nein, David R. Slavitt, Lyriker, Romancier und Übersetzer, hat diese Szene samt ihrer Komik nicht erfunden. Sie ist historisch verbürgt. Der Dr. h. c. für die würdige Greisin galt natürlich nicht nur dem Charme eines Kindes, das die Phantasie des schüchtern-stotternden Universitätsdozenten beflügelte, sondern dem Kauz selber, der in kurioser Mischung Mathematik, klassische Literatur und Theologie am Christ College in Oxford lehrte. Lewis Carroll war, kein Zweifel, vernarrt in kleine Mädchen, denen auch seine zweite Passion galt: die Photographie.
Die akademische Auszeichnung zwang die alte Alice, sich der Wahrheit jener fragwürdigen Liebe des so viel älteren Gelehrten zu ihr und zu ihren Nachfolgerinnen zu öffnen: ein »unkorrektes Sujet«, auch und erst recht in einer Epoche, in der »Lolita« zum literarischen Symbol oder die Bilder von Balthus zu Symbolwerken wurden. Die ronische Erzählkunst und der diskret-indiskrete Stil des Romans lösen die Spannung zwischen dem Tabu und der Realität von jeder Scheinheiligkeit.

