Am Ende eines Sommers
Roman19.95 Euro, 28.50 sFr
ISBN:9783821861203
Von der Liebe zweier Schwestern – und dem Mut eines Jungen
Südengland, Ende der sechziger Jahre: Mary und Rachel sind Schwestern, fast erwachsen, einander innig verbunden, unbekümmert und süchtig nach Leben. Rachel, die Ältere, ist immer ein paar Schritte voraus. Doch dann entflieht ausgerechnet Mary ihrer Kindheitswelt so vehement, dass ihre Familie sie verstößt und Rachel den Kontakt abbricht. Mary geht nicht den für sie vom liebevollen, aber strengen Elterhaus vorgesehenen Weg. Sie bricht ihr Studium ab, heiratet ihre große Liebe, wird Mutter dreier Söhne und hütet das Haus. Hungrig nach Leben versucht sie auch hier die engen gesellschaftlichen Grenzen zu durchbrechen, stößt aber bei ihrem Ehemann auf Unverständnis und fühlt sich allein gelassen. Ihre kleinen Fluchten gehen nun nach innen und immer häufiger taucht sie ab in die einsame Welt des Alkoholrauschs.
Portsmouth, 1985: Jake ist dreizehn, als seine Eltern sich trennen und er sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. Seine Mutter ist Mary, die zwar eine sehr liebevolle Mutter ist, aber deren Alkoholismus die Familie zerstört. Jakes älterer Bruder Matthew ist abgehauen, Jake und sein jüngerer Bruder Andy leben bei Mary, die sich über Wochen hinweg entzieht und sich nicht um die beiden kümmert. Doch Jake lässt sich seine Träume nicht nehmen, lebt sein Teenager-Leben, trägt Zeitungen aus, spart für eine Hi-Fi-Anlage, verknallt sich in seine Lehrerin, liebt die Ausflüge mit seinem Vater und Fußballspiele. Während der Alkoholexzesse seiner Mutter übernimmt Jake die Verantwortung für Andy und tut alles, um den Schein von Normalität aufrecht zu erhalten, indem er den Haushalt in Gang hält.
»"Was ist los, Mum? Hast du wieder Kopfschmerzen?", fragt Jake.
„Nur ein bisschen."
Er verschwindet in der Küche und kommt mit einem Röhrchen Aspirin zurück.
„Hier. Nimm zwei, und ich mache dir einen Toast. Auf leeren Magen soll man sie nicht nehmen."
Ich [Mary] sehe ihm vom Sofa aus zu. Seine kleine Gestalt bewegt sich als Silhouette vor dem Küchenfenster, während er sorgfältig Butter auf den Toast streicht und dabei die Titelmusik von Roger Ramjet summt. Seine Fußgelenke sind knochig, und seine Schlafanzughose ist zu kurz. Mein Herz möchte platzen.«
Immer wieder keimt die Hoffnung auf, alles könne sich doch zum Guten wenden – vor allem, als Rachel wieder in Marys leben tritt und Mary für eine längere Phase dem Alkohol entsagt. Doch dann enthüllt sich ein lang gehütetes Familiengeheimnis und Mary taucht wieder ab. Sie trifft eine folgenschwere Entscheidung, die Jake schneller erwachsen werden lässt, als es für einen mittlerweile 14-Jährigen gut ist.
Isabel Ashdown erzeugt mit klarer Sprache eine starke Emotionalität und eine dichte Atmosphäre, die dem Roman, neben dem häufigen Perspektivwechsel zwischen Mary und Jake, einen großen Spannungsbogen verleihen. Mary erzählt in Rückblenden, die mit ihrer behüteten Kindheit beginnen, bis in die erzählte Gegenwart, Jake berichtet ein dreiviertel Jahr aus seinem derzeitigen Leben. Die Welt der Erwachsenen scheint ihm seltsam emotionslos, Unausgesprochenes gärt im Verborgenen und führt letztendlich zu einem Befreiungsschlag, der das Leben aller mit einem Schlag verändert.
Die englische Presse reagierte begeistert:
»Ein wundervolles Debüt – intelligent, subtil und gefühlvoll.« (The Observer)
»Ein makelloser Roman voller dunkler Familiengeheimnisse und zartem Humor.«
(Waterstone’s Book Quarterly)
Isabel Ashdown, geboren 1970, gewann mit einem Auszug aus Am Ende eines Sommers 2008 den Wettbewerb der Mail on Sunday. Von London Evening Standard und Observer wurde ihr Roman als bestes Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet. Isabel Ashdown arbeitet zurzeit an ihrem zweiten Roman. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Schreiner, und ihren Kindern in West Sussex, Südengland. 15 Jahre lang war sie Managerin in der Kosmetikindustrie, bereiste hierfür hauptsächlich Europa und die USA. Im Jahr 2004 kündigte sie ihren Job und folgte einer lange zurückgehaltenen Ambition: sie begann zu schreiben.
Isabel Ashdown wuchs mit einem alkoholkranken Vater auf. In einem Artikel für The Guardian schreibt sie im Oktober 2009, wie sie dadurch geprägt wurde.
Die deutsche Übersetzung liegt bei, das Original finden Sie im Internet unter: http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2009/oct/17/alcoholic-father-died-young
Isabel Ashdown, Am Ende eines Sommers
Roman. Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
352 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,95 (D) / sFr 33,50 / € 20,60 (A)
ISBN 978-3-8218-6120-3
Pressesperrfrist: 09. August 2010
The Guardian, 17. Oktober 2009
Mein alkoholkranker Vater
Isabel Ashdowns Vater war Alkoholiker – der Alkohol tötete ihn, als er gerade 50 Jahre alt war. Nach außen war er ein charmanter und charismatischer Mann. Zuhause hingegen war das Familienleben aufgrund seiner unvorhersehbaren Tobsuchtanfälle von einer kontinuierlichen Anspannung geprägt.
Von Isabel Ashdown
Ein Sonntag hat viele schöne Seiten. Er ist ein Tag der Entspannung, ein Tag für die Familie und Freunde, für ausgiebige Spaziergänge und ausgedehnte Mahlzeiten. Für Gummistiefel und Kaminfeuer und den Besuch von Antiquitäten-Märkten. Doch in manchen Haushalten ist der Sonntag ein Tag, dem alle Familienmitglieder mit Beklommenheit entgegensehen, immer in der Hoffnung, der Tag möge möglichst harmonisch und normal verlaufen. Die Kinder nehmen ihre vorbestimmten Rollen in dieser Scharade ein, angespannt und immer in Erwartung des Tornados, der ihr Heim unweigerlich heimsuchen wird – was meistens kurz vor dem Nachtisch geschieht. Das sind die Kinder von Alkoholikern. Für sie gleicht jeder Sonntag, spätestens zur Schlafenszeit, einem Schlachtfeld.
Ich hatte mein Leben lang das unangenehme Gefühl, anders zu sein als die anderen. Ich urteile über mich selbst ohne Gnade, während ich ständig die Bestätigung meiner Umwelt suche. Ich bin selbstironisch, obwohl ich mich selbst viel zu ernst nehme. Ich hasse organisierten Spaß, aber ich liebe es zu lachen. Ich schätze meine Freunde außerordentlich, aber sie stören meine Neigung zum Einzelgängertum. Ich liebe den Nervenkitzel, den Neues auslöst, doch gleichzeitig lähmt mich jede unerwartete Veränderung in meinem Leben. Auf mich trifft nahezu jede der Beschreibungen zu, mit denen Janet Woititz in ihrem Buch „Adult Children of Alcohlics" die Kinder von Alkoholikern charakterisiert. Ich bin der Traum eines jeden Psychoanalytikers.
Ich wurde 1970 geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Meer an der Südküste Englands auf. Meine Kindheit war, insgesamt betrachtet, eine glückliche. Meine Mutter, von Beruf Lehrerin und Künstlerin, war schön und talentiert; mein Vater, ein Universitätsprofessor für Englisch, war attraktiv und charismatisch. Ich hatte einen älteren Bruder, der musikalisch und witzig war, und eine begabte und bezaubernde jüngere Schwester. Nach außen waren wir eine Bilderbuch-Familie: attraktiv, intelligent und ein wenig unkonventionell. Aber schon bevor ich geboren wurde, war mein Vater eine glühende Affäre mit dem Alkohol eingegangen, die unser aller Leben dominieren und prägen würde.
In vielerlei Hinsicht war mein Leben nicht weiter bemerkenswert. Ich war ein mittleres Kind, das im Großbritannien der achtziger Jahre aufwuchs, die geprägt waren von der Popgruppe Kajagoogoo, von Vokuhila-Frisuren, Monkey Boots und Margaret Thatcher. Ich hatte dieselben Ängste wie jeder andere weibliche Teenager dieses Landes auch: Würde der Rock meiner Schuluniform auch nach den Sommerferien noch in Mode sein? Wie sollte ich es anstellen, dass meine Frisur mehr wie die von Kim Wilde aussehen würde? Wann würden meine Brüste endlich wie, naja, Brüste aussehen? Aber anders als viele meiner Freunde musste ich über die Jahre mit ansehen, wie ein Elternteil immer mehr dem Ruf der Sirene namens Alkohols erlag und dieses Geheimnis erdrückte mich fast. Mein Vater starb 1990 im Alter von 50 Jahren.
Meine Erinnerungen an ihn sind sehr komplex, vielfältig und vielleicht sind sie über die Zeit auch unzuverlässig geworden. Ich sehe ihn auf Partys (auf sehr vielen Partys), lächelnd oder lauthals lachend, wie er Frauenwangen küsst und Männern auf den Rücken klopft. Ich sehe ihn, wie er auf einer Liege in unserem Garten liegt und schnarcht, während die Sonne seine Haut langsam haselnussbraun färbt und dabei eine einsame weiße Falte hinterlässt, die sich wie eine Narbe quer über seinen Bauch zieht. Und dann sehe ich ihn, schlurfend und vorzeitig gealtert, wie er auf mich zukommt, mit einer Plastiktüte voller Flaschen in der Hand, die beim Gehen immer wieder gegen seine abgetragenen Hosenbeine schlägt. Ich unterdrücke einen Schrei als er auf der Straße an mir vorbeigeht und seine glasigen Augen, ohne mich zu erkennen, einfach durch mich hindurch sehen. Ich schreie vor Freude als er mein achtjähriges Ich so lange durchkitzelt, bis meine Rippen vor lauter Lachen schmerzen. Und ich verwünsche ihn, als er mich aus seinem Arbeitszimmer verbannt, um sich heimlich einen weiteren Scotch genehmigen zu können. Es brodelt in mir, als er mir sagt, ich sei wunderschön; ich schäume vor Wut, wenn er behauptet, ich sei besessen. Ich sei ein cleveres Mädchen, ich sei eine Schande. Er liebt mich, er hasst mich.
Ich beobachte ihn stolz, wie er in einem Raum voller Studenten seine Vorlesung hält. Ich möchte am Liebsten tot umfallen, als meine Freundin und ich ihm nachts im Flur unseres Hauses begegnen – ein Alptraum, wir waren gerade 14 und er komplett nackt. Natürlich machte er keinerlei Anstalten, sich dafür zu entschuldigen. Oh, wie haben wir gelacht während wir uns mit dem Rücken an meine geschlossene Zimmertür pressten. Meine Freundin hielt sich den Bauch und war völlig hysterisch. Ich stimmte in ihr Gekicher mit ein, hahaha, während mir Lachtränen über die Wangen liefen. Aber in meinem Inneren wünschte ich mir, ich würde auf der Stelle sterben. Nackt.
Oh. Mein. Gott.
Wir waren all die Jahre eine sehr fröhliche Familie. Meine Familie liebte das Absurde. Mein Vater sah sich ebenso gerne die Sendung „Not the Nine O’Clock News" an wie er Rushdies „Mitternachtskinder" las. Sein geistreicher Witz war ansteckend und in Bestform war er respektlos und scherzhaft. Aber seine Stimmung konnte auch schnell ins Grausame umschlagen, ganz unerwartet und vernichtend. Es war eine Welt, in der man nie sicher sein konnte, was als Nächstes passieren würde, und in der man nicht wusste, was eigentlich normal war und was nicht.
Schätzungen gehen davon aus, dass in Großbritannien aktuell knapp eine Million Kinder leben, die mindestens ein Elternteil haben, der Alkoholiker ist. Die meisten dieser Kinder wachsen unentdeckt auf, passen sich an und tun so, als wäre alles ganz normal. Sie vermeiden alle Situationen, die das Unaussprechliche enthüllen könnten. Es ist einfach, zu glauben, solche Familien kämen hauptsächlich aus sozial schwachen Schichten, doch das ist nur ein bequemer Mythos. Allzu oft sind es Familien wie meine.
In unserer Familie endete ein vom Alkohol dominiertes Wochenende oft damit, dass Dad für ein paar Stunden verschwand, woraufhin das Haus in eine unkommunikative Trägheit verfiel. Schlecht gelaunt verschwanden wir dann alle in unsere jeweiligen Ecken und vermieden es, uns gegenseitig in die Augen zu sehen. Aber jedem von uns gingen die immer selben Fragen durch den Kopf. Wo ist Dad? Ausgegangen. Wohin ausgegangen? Ich weiß es nicht. Mit wem ist er zusammen? War das gerade sein Schlüssel in der Haustür? Wie wird seine Laune sein? Reumütig und liebevoll? Reizbar und feindselig? War das gerade sein Schlüssel in der Haustür?
Seine beschleunigte Reise in den Abgrund kündigte sich durch diese immer länger währenden Abwesenheiten an. Irgendwann konnte ich diese Episoden vorhersehen, aber gewöhnt habe ich mich niemals an sie. Habe ich durch all das Schaden genommen? Ich bilde mir ein, dass das nicht der Fall ist. Hat es mich geprägt? Außerordentlich. Ich bin mir sicher, dass mein Mangel an Spontaneität, meine Aversion gegenüber Lärm und meine Ungeduld durch diese prägenden Jahre bedingt wurden, als das Unerwartete noch die Norm war, als sich der Geräuschpegel in unserem Haus innerhalb von Sekunden von absoluter Stille in lautstarken Tumult wandelte und das Warten darauf, dass etwas passieren würde, äußerst schmerzhaft war. Die stumme Spannung, die über jedem Sonntagnachmittag lag, war still und unendlich, und der Geist dieser Nachmittage sucht mich selbst heute noch manchmal heim.
Als mein Vater vor 20 Jahren starb, war ich 19. Die Familie, wie wir sie kannten, hatte sich bereits zwei Jahre zuvor aufgelöst, kurz nachdem mein Vater seinen Dozentenposten aufgegeben hatte und in den Vorruhestand gegangen war. Seine Trinkerphasen wurden nicht länger durch Perioden der Mäßigung unterbrochen, sondern waren zu einem großen, unerträglichen Saufgelage verschmolzen, in dem er rund um die Uhr trank. Sein Körper konnte nicht länger unterscheiden, wann es Tag und wann Nacht war, und so zog er zu den unmöglichsten Zeiten von Raum zu Raum, auf der Suche nach Antworten. Falls man sich zufällig in einem dieser Zimmer befand, wurde man aufgeweckt, um mit ihm zu diskutieren, was immer ihm gerade durch den Kopf ging.
Mein Bruder war damals bereits ausgezogen, um in einem Kibbuz am Rande des kriegszerrütteten Gazastreifens zu arbeiten. Und nachdem meine Mutter, meine Schwester und ich über Monate hinweg kaum hatten schlafen können, verließen auch wir eines Tages kurz entschlossen das Haus. Es war ein Sonntag. Wir hatten gerade unseren Nachtisch gegessen. Mum zog ihre Gummihandschuhe aus, sah mich an und bat mich, ihr in den Garten zu folgen. „Wir gehen von hier weg", sagte sie ruhig. Und wir gingen.
Trotzdem verliefen die Sonntage in den nächsten zwei Jahren weiterhin unruhig: in Erwartung von Dads Anrufen. Sein unglücklicher Zorn war etwas, mit dem niemand von uns umgehen konnte, und für etwa sechs Monate versuchte ich, jeden Kontakt zu ihm abzubrechen. Dann, ganz plötzlich, änderte sich meine Rolle. Sein sprunghaftes Verhalten hatte ihn der ganzen Familie und aller Freunde entfremdet und seine plötzliche Isolation bot neuen Grund zur Besorgnis. So wandelte sich meine Rolle von der seiner grimmigsten Sparringpartnerin zu der seiner 18-jährigen Kontrollbesucherin. Alle zwei Wochen setzte ich mich sonntags in meinen rostigen blauen Käfer und fuhr zu ihm, während mein Herz im Einklang mit dem Fahrzeugmotor nervös schlug. So verrückt es klingen mag, wir trafen uns dann für gewöhnlich in einem Pub. Einmal zog er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und bot mir eine an. Ich hatte ihn nie zuvor rauchen sehen. „Ich bin deine Tochter", sagte ich, woraufhin er mich zutiefst verwirrt ansah. Wenn ich nach diesen Treffen über dunkle Landstraßen fuhr, weinte ich oft leise vor mich hin, erschöpft und niedergeschlagen, bevor ich mich schließlich zusammenriss und nach Hause zurückkehrte. „Wie geht es ihm?", fragte Mum jedes Mal. „Wie immer", sagte ich dann. Im Mai 1990 rief er mich eines Abends an, um mir zu sagen, dass er sterben würde und sich nicht mehr bewegen konnte. Ich glaubte ihm ohne zu zögern und rief den Rettungsdienst, der seine Wohnung aufbrach und ihn ins Krankenhaus brachte. Er starb innerhalb weniger Stunden, sein Körper war irreparabel durch den Alkohol geschädigt.
Glücklicherweise haben meine Geschwister und ich eine gesunde Einstellung zum Alkohol. Ich glaube, das ist zu einem großen Teil der Mäßigung geschuldet, die meine Mutter uns vorgelebt hat. All die Jahre, in denen mein Vater seine Exzesse auslebte, machte sie einfach weiter und tat alles, um die Dinge im Gleichgewicht zu halten. Wir Kinder wussten immer, woran wir mit Mum waren, und das war sehr tröstlich. Heutzutage ist unsere Familie einer Feier nie abgeneigt – und zu diesen Anlässen wird gerne auch das ein oder andere Glas getrunken. Aber wir wissen alle genau, wo wir die Grenze ziehen müssen. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich bin kein vehementer Alkoholgegner. Auch ich habe meine zehn Jahre gehabt, in denen ich ausgiebig getrunken habe, aber mit Mitte 20 bin ich dieser Maßlosigkeit müde geworden.
Jetzt bin ich Mutter und meine Sonntage sind gute Tage. Sie drehen sich um ausgiebige Spaziergänge und Kaminfeuer; um fröhlich herumtollende Kinder und um pitschnasse Hunde, die im Meer geschwommen sind; um Streitigkeiten über die Hausaufgaben und das Haare waschen vor dem Zubettgehen. Sie drehen sich um ein Glas Wein zum Mittagessen – im Gegensatz zu einer ganzen Flasche. Und sie drehen sich um uns, als eine Familie, nicht als Individuen. Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mittlerweile länger ohne meinen Vater auf dieser Erde gelebt habe, als mit ihm. Trotzdem ist er immer da und fehlt mir in vielen Momenten. Noch heute fällt es mir schwer, ihn zu beschreiben. Er war selbstsüchtig, er war liebevoll. Er war scharfzüngig und verletzend, aber er hatte das Herz eines Dichters. Er war warmherzig und gleichzeitig kalt. Ich hasse ihn und liebe ihn doch. Präziser werde ich meine Gefühle ihm gegenüber niemals ausdrücken können. Mittlerweile ist er schon so lange bei mir, dass ich bezweifle, dass er jemals gehen wird. Und eigentlich bin ich mir, nach all dieser Zeit, gar nicht mehr so sicher, ob ich das wirklich wollte.
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