
- © Charlotte Goltermann
Interview mit Sven Regener über "Der kleine Bruder", das Erwachsenwerden, das Schreiben, das Lesen und das Leben.
Frage: Der kleine Bruder ist der Mittelteil der Lehmann-Trilogie. Eigentlich eine ungewöhnliche Reihenfolge. War das so geplant von Anfang an?
Sven Regener: Ja, ich habe von Anfang an geplant, die Bücher in dieser Reihenfolge zu schreiben. "Herr Lehmann" war deshalb der Anfang, weil das erste Kapitel von "Herr Lehmann" eigentlich zuerst eine Kurzgeschichte war, durch die ich überhaupt erst auf die Figur gekommen bin. Und ich glaube auch, daß, wenn man z.B. jetzt so eine Kassette machen würde mit allen drei Büchern, ich sie auch in derselben Reihenfolge anordnen würde, daß also "Herr Lehmann" der erste Band der Trilogie ist, "Neue Vahr Süd" der zweite und eben dieses neue Buch, "Der kleine Bruder", der dritte.
Frage: Wer ist der kleine Bruder?
Sven Regener: Der kleine Bruder ist Frank. Frank Lehmann ist der kleine Bruder von Manfred Lehmann, den die anderen, wie er dann lernen muß, Freddie nennen, während er selber noch Manni sagt, aus den alten Zeiten usw. Und nun kommt er also in die Welt seines Bruders, und der ist nicht da. Die Leute kennen alle seinen Bruder, ihn aber nicht, und so ist er für alle erst einmal der kleine Bruder.
Frage: Es geht im Buch um das Berlin der 80er. Ist das die Zeit, in der auch Sie nach Berlin gekommen sind?
Sven Regener: Na ja, es geht vor allem um das Berlin der frühen 80er, also das Berlin der Punk, Postpunk-Zeit, als dort sozusagen alles richtig richtig losging, als West-Berlin den ersten richtigen Hype erfuhr. Also so Kunst und Punk und New Wave und Neue Deutsche Welle und Postpunk und sonst was. Ich kam 82 nach Berlin und weiß schon, wie sich das so anfühlte.
Frage: In "Herr Lehmann" und auch in "Neue Vahr Süd" begegnet man einem Helden, dessen Leben eigentlich gerade aus den Fugen gerät. In "Der kleine Bruder" ist das anders.
Sven Regener: Ja, nun, ist es ja sowieso keine Schande, wenn das Leben ab und zu mal zu Schanden geht, weil, das ja normal ist, Leute bauen sich ein bestimmtes Leben auf und leben das und dann ist das irgendwann nicht mehr haltbar und bricht zusammen. Das macht einen ja nun nicht zum Loser. Schon gar nicht, wenn man wie Frank in „Neue Vahr Süd“ von sich aus sein Leben umkrempelt, mit allerdings ungeahnten und ungewollten Folgen. Das ist Pech, aber so geht das nun mal. Es gerät ihm alles außer Kontrolle. Bei "Herr Lehmann" dagegen versucht er, ein Leben, das ihm sehr gut gefällt, gegen Zumutungen und Anwürfe jeder Art zu verteidigen. Und am Ende muß er leider einsehen, dass die Bedingungen für dieses Leben für ihn nicht mehr vorhanden sind, vor allem durch das, was mit seinem besten Freund geschieht. Hier aber, in "Der kleine Bruder", ist es so, dass er den rauchenden Trümmern seiner zerstörten Bremer Existenz entsteigt und sich innerhalb von 48 Stunden ein komplett neues Leben aufbaut, also Freunde, Bekannte, Beruf, Wohnung, alles in nicht ganz zwei Tagen. Das ist schon eine sehr beachtliche, konstruktive Leistung, aber auf seltsame Weise erbracht und natürlich auch einer Verkettung sehr seltsamer Umstände geschuldet.
Frage: Das Buch behandelt nur zwei Tage im Leben des Frank Lehmann. Passiert so viel in der Zeit oder wird so bedächtig erzählt?
Sven Regener: Nein, das sind halt zwei sehr sehr wichtige Tage in seinem Leben, und er muss irgendwas tun, um neu Fuß zu fassen. Er kommt ja völlig haltlos in Westberlin an, mit nichts im Rücken, deshalb will er ja unbedingt zu seinem Bruder, weil er Hilfe braucht, die er aber erst einmal nicht bekommt, weil der Bruder nicht da ist. Schwierige Lage. Das sind also zwei sehr intensive Tage und es lohnt sich, jede Minute von dem mitzubekommen, was er da macht.
Frage: Ist es nicht auch ein Buch über Emanzipation und Behauptung, über Selbstverantwortung und Erwachsen werden?
Sven Regener: Also ich weiß auch gar nicht genau, was Erwachsenwerden wirklich ist, deshalb kann ich das nicht beantworten. Ich denke aber, das Buch handelt durchaus von den Grundfragen der Existenz: Wer bin ich? Wie will ich eigentlich leben? Wie gehe ich mit den Bedingungen um, die ich vorfinde? Frank gerät in eine Welt, die ihm völlig unbekannt ist, und von der er überhaupt nicht weiß, was da gespielt wird, welche Gesetze dort gelten, was los ist mit diesen Leuten. Er versteht ihre ganze Kunstbesessenheit und so überhaupt nicht, er weiß gar nicht, was die eigentlich wollen. Aber wie er sich da reinbringt, wie er selbst sein eigenes Leben da andockt, ohne sich selbst aufzugeben, das ist schon sehr interessant, auch vor dem Hintergrund, dass es sich bei den Leuten in diesem Buch um relativ junge Leute handelt, die alle noch die Energie aufbringen, Sachen bis zur letzten Grenze auszuprobieren und dabei kompletten Scheiß und Unsinn anzustellen ohne groß darüber nachzudenken, was auch eben ein Privileg junger Leute ist. Ganz abgesehen von den Möglichkeiten, die man in dem Alter noch hat, durchzumachen oder auf Partys zu gehen oder Drogen zu nehmen oder sonstwas. Weil das auch körperlich noch alles möglich ist.
Frage: Es gibt in allen Büchern eine Konstante: das ist die nervtötende, besorgte, anrufende Mutter. Ist das eher ein running gag oder ist das so ein Hinweis auf die Verwurzelung, auf die Prägung?
Sven Regener: Das hat sich einfach nur so ergeben, das ist nur natürlich; solange man Eltern hat, ist das eine gewisse Konstante, man kann sich seine Freunde aussuchen, aber nicht seine Verwandten, man kann seinen Freundeskreis komplett austauschen, aber schwer die Familie. Mütter wird man nicht los, da bedurfte es keiner besonderen Kunstanstrengung, um das realistisch darzustellen. Und es hat natürlich eine komische Seite. Weil gerade die Telefongespräche mit ihr so eine große Bedeutung bekommen. Bei „Neue Vahr Süd“ zum Beispiel kann die Mutter gar nicht anrufen, weil Frank kein Telefon hat. Man darf auch nicht vergessen, daß sowohl „Neue Vahr Süd“ wie auch „Der kleine Bruder“1980 spielen – keine Handys, Telefone durchaus selten, vor allem eben bei jungen Leuten, Studenten und so weiter, und oft auch abgestellt, wegen nicht bezahlter Rechnung und so, die ganze Telekommunikation noch lange nicht so ein großes Ding. Wenn damals jemand einen anrief, dann hatte das schon entsprechendes Gewicht gehabt. Und deshalb haben z.B. die Anrufe der Mutter, wenn sie denn mal durchdringt zu ihrem Sohn, diese Wucht, sie muss alles auf einmal abladen, weil sie nie weiß, wann sie ihn das nächste Mal wieder an die Strippe bekommt.
Frage: Ist Schreiben eigentlich eine schöne Arbeit?
Sven Regener: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das überhaupt Arbeit ist. Ich meine, der Arbeitsbegriff wird ja mittlerweile auf fast alles verwendet. Ich glaube, dass Schreiben vor allem auch Spiel ist, dass man mit den Dingen spielt, dass man so ein bisschen wie ein Gott mit Personen und Orten und Ereignissen einfach spielen kann. Man kann auch alles, was man dort aufbaut, mit einem Handstreich wieder zerstören. Wie kleine Kinder, die mit Bauklötzchen was aufbauen und das dann gleich wieder umwerfen. Hat viel von Spiel, die ganze Kunst, das wird oft vergessen, weil gerade Künstler, oft auch aus schlechtem Gewissen gegenüber ihrem Briefträger, dem sie um elf im Bademantel aufmachen, darauf bestehen, dass sie arbeiten und so, was eigentlich ein ganz langweiliger Standpunkt ist. Ich finde, dass das Element des Spielens da viel mehr im Vordergrund stehen sollte, auch in der Rezeption, denn als Ergebnis von Arbeit möchte man die Kunst dann doch nicht wahr nehmen, das findet dann doch jeder irgendwie langweilig, dass ist ein bisschen bieder. Das spielerische Element ist das aufregende Element in der Kunst. Und das ist auch das, was beim Schreiben von Romanen Spaß macht. Man nimmt diese Figuren und man kann diebische Freude daran haben, wie die sich verhalten und wie die drauf sind und so. Wenn man das nur als Arbeit sieht, dann bringt das nichts.
Frage: Wird es eine Fortsetzung geben?
Sven Regener: Nein, erstmal nicht, das war’s jetzt, also ich hab das Ganze tatsächlich als Trilogie geplant, ich hab das zwar bei „Herr Lehmann“ noch nicht so raushängen lassen, weil mir damals noch nicht klar war, ob mir das mit den anderen Büchern gelingen würde, vor allem, was „Neue Vahr Süd“ betrifft, aber als ich „Neue Vahr Süd“ veröffentlichte, hab ich dann auch jedem gesagt, dass es eineTrilogie wird, dass noch ein Buch kommen wird, und es war dieses Buch, „Der kleine Bruder“. Dabei darf man die Trilogie-Sache auch nicht überschätzen, denn letztendlich kann man jedes Buch auch für sich allein lesen, auch "Der kleine Bruder", also man muss zum Beispiel nicht „Neue Vahr Süd“ gelesen haben, um "Der kleine Bruder" zu verstehen. Es gibt ja auch andere Arten von Trilogien wo man, wenn man das erste Buch nicht kennt, mit dem zweiten nicht so viel anfangen kann. Hier ist das nicht so, und darum war ja auch diese seltsame Reihenfolge möglich.
Frage: Sie haben das Buch jetzt komplett eingelesen. War das nicht fast langweilig, nach dem Schreiben und Redigieren, das Ganze noch mal zu lesen?
Sven Regener: Nein, weil dabei noch eine andere Sache eine große Rolle spielt, nämlich der Sound. Beim Einlesen festzustellen, was für einen Sound das hat, wie das klingt, wie was für einen Rhythmus hat, diese Dialoge, wie das funktioniert, das war schon interessant, wobei ich mich manchmal frage, ob ich nicht vielleicht doch zu schnell lese, ich bin ja, was das betrifft eher ein bisschen extrem, das hat einen ganz speziellen Stil, aber die Leute sagen meistens, das sei okay, die meisten finden das eigentlich ganz gut oder exzentrisch oder was auch immer. Ich selber bin da immer nicht ganz sicher, aber ich habe festgestellt, dass es mir am Ende dann doch lieber ist, wenn ich es einlese, als wenn es jemand anderes tut.
/// Wilmersdorf
"Wilmersdorf", sagte Wolli sinnend, "Wilmersdorf... - Scheiße, fahr mal hier Kudamm raus, ist jetzt auch scheißegal, fahren wir eben über den Kudamm, immer noch besser als Wilmersdorf, da kenn ich mich überhaupt nicht aus!"
Sven Regener liest aus »Der kleine Bruder« auf dem Eichborn Berlin Sommerfest im Literarischen Colloquium Berlin im Video-Podcast »
/// Sven Regeners Vita
Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. Er ist Sänger und Texter der Band Element of Crime. Ihm gelangen mit Neue Vahr Süd (2004) und Herr Lehmann (2001) – dem ersten und dritten Band der Lehmann-Trilogie – zwei sensationelle Erfolge. Beide Bücher standen monatelang auf den Bestsellerlisten. Herr Lehmann wurde inzwischen in 15 Sprachen übersetzt sowie 2003 von Leander Haußmann verfilmt.

