Johann Friedrich Naumann gilt als der erste bedeutende Ornithologe Deutschlands. Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen beeindrucken uns heute die natürliche Schönheit seiner Vogelbilder und die erstaunliche Kreativität seiner Sprache. Fünfundzwanzig Jahre hat Naumann an seinem zwölfbändigen Hauptwerk »Naturgeschichte der Vögel Deutschlands« gearbeitet. Das Werk, dessen letzter Band 1844 erschienen ist, war auf dem Stand der damaligen Wissenschaft, alle 380 Illustrationen hat Naumann selbst gezeichnet und in Kupfer gestochen. Im Jahr 1835 begann er, seine Vogelpräparate im Köthener Schloss auszustellen, wo sie noch heute zu besichtigen sind. Nach eigenen Angaben gilt das Naumann-Museum als das einzige ornithologiegeschichtliche Museum der Welt.

Zu Lebzeiten war Johann Friedrich Naumann weit über Deutschlands Grenzen hinaus berühmt und hochgeehrt, doch seit dem Zweiten Weltkrieg ist er – im Gegensatz zu seinen englischsprachigen Zeitgenossen John Gould und John James Audubon – fast vergessen.

Groß war in wissenschaftlicher Hinsicht der Genuss, welchen mir meine im Mai und Juni 1819 nach jener interessanten Küste mit ihren für den Ornithologen so wichtigen Inseln unternommene Reise gewährte, von welcher ich schon in Okens Isis, Jahrg. 1820, St. XII Bericht erstattete. Meine Erwartungen wurden auf jener Reise weit übertroffen; denn ich hoffte wohl nordische Vögel dort noch auf dem Zuge in Menge, aber nicht so viele daselbst nistend zu finden, und war daher auf das angenehmste überrascht, manche Art ganz so zu sehen, wie ich es mir nur viel höher nach Norden hinauf hatte denken können. Die Insel Pellworm war damals zu einem längeren Aufenthalt bestimmt und gab reiche Beute; allein das zu sehr bewohnte und bebaute fett Ländchen, ringsum mit hohen Deichen umgeben, hatte nur auf der Nordseite ein großes grünes Vorland, wo es außer unzähligen daselbst nistenden Vögeln auch noch Zugvögel genug gab, manche in unermesslichen Scharen, z. B. Ringelgänse und Myriaden von roten Limosen. Dies einzige für den Ornithologen wichtige Feld der Insel, dieses Hallig, Puphever genannt, musste aber nach einigen Tagen durch das Schiessen und die beständige Störung des daselbst wohnenden zahlreichen Geflügels an Gewinn für mich und meine mich begleitende Freunde bald verlieren. Es wurde deshalb eine Exkursion von dort nach dem eine Meile südlich gelegenen Eilande Süderoog unternommen, welches zwar viel kleiner aber nur von einer einzigen Familie bewohnt war, lauter grünen Rasenboden (bloss zur Viehweide benutzt) und ganz flache Ufer hatte, auch gar nicht eingedeicht war. Niemand störte dort die Vögel als täglich einmal eine Person jener Familie, welche während der Legezeit, etwa zwei Wochen lang, täglich die Eier absuchte, oder zuweilen eine überschwemmende Meeresflut; kein Schuss geschah dort nach ihnen, und lange hatte kein gieriger Sammler dort gewürgt. Als daher die Seichtigkeit des Wassers (es trat eben Ebbe ein) unserem Schiffe Stillstand gebot, wir auf den weiten Watten wohl mehr als tausend Schritt vom Ufer fest lagen, der bestellte Wagen ankam, auf welchem wir vom Bord des Schiffes ohne weiteres hinabgestiegen waren, und so auf dem festen Sande dieser Watten der Insel zufuhren, wurden wir von Tausenden neugieriger Vögel umschwirrt, die uns furchtlos angafften. Da standen kaum zwanzig Schritt vom Wagen die herrlichsten Geschöpfe, z. B. die Silbermöven (Larus argentatus) Paar bei Paar, uns ruhig ansehend; ihr blendend weißes, oben bläuliches Gefieder, mit den samtschwarzen Flügelspitzen, ihr hochgelber Schnabel mit dem korallenroten Fleck, ihr lebhaft gelbes Auge glänzten in der lebendigsten Pracht. So hatte ich sie noch nie gesehen; ich war vor Freude außer mir; aber es sollte noch viel besser kommen. Diese Möven lebten hier größtenteils von kleinen Krebsen (Cancer moenas), wovon ihr Unrat, der durch die Verdauung nie ganz aufgelöster Schalen wegen wie Kalkmörtel aussieht und rosenrot tingiert ist.

Viele Jahre war Naumanns Werk nur als bibliophile Rarität erhältlich, nun liegt eine Auswahl als Prachtband im Folioformat vor, mit zahlreichen hochwertigen Abbildungen der Originalstiche und achtzig bislang unveröffentlichten Aquarellen. Arnulf Conradi hat für den Textteil des Buches siebzehn Vogeldarstellungen aus dem Hauptwerk ausgewählt und dabei darauf geachtet, verschiedene Vogelarten wie Raubvögel, Singvögel und Watvögel zu berücksichtigen. Zu jeder der Darstellungen ist jener Kupferstich gestellt, der auch in der ersten Ausgabe der »Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas« den jeweiligen Text begleitet.

/// Abbildungen aus dem Buch

Aus: Die Vögel Mitteleuropas

/// Das Buch

 

Johann Friedrich Naumann
Die Vögel Mitteleuropas

Eine Auswahl
Herausgegeben und mit einem Essay von Arnulf Conradi
ISBN 9783821862231
€ 79,00 (D)/sFr 139,00 (bis Ende März 2010)

 

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/// Vita Johann Friedrich Naumann

Johann Friedrich Naumann, geboren am 14. Februar 1780 in Ziebigk bei Köthen, Sachsen-Anhalt, gestorben am 15. August 1857 ebendort. Inspiriert durch seinen Großvater und Vater, legte er im Laufe seines Lebens eine Sammlung von mehr als 700 einheimischen Vögeln in ca. 350 Arten an, die er in speziell hergestellten Glasvitrinen ausstellte. Zum didaktischen Konzept seines »Museums« gehörte auch die Präsentation der Präparationstechnik von Vögeln. Die Sammlung Naumanns wurde 1821 von Herzog Ferdinand Friedrich von Anhalt Köthen für 2000 Reichstaler in Gold gekauft und in den Ausstellungsräumen im »Neuen Schloß« von Naumann um viele weitere exotische Vogelarten erweitert.

/// Zum Herausgeber

Arnulf Conradi arbeitete als Lektor bei Claassen, dann als Cheflektor und Programmgeschäftsführer elf Jahre bei den Fischer Verlagen in Frankfurt a. M. 1993 gründete er den Berlin Verlag, als dessen Verleger er bis zu seinem 60. Geburtstag im Jahre 2004 arbeitete. Arnulf Conradi, in Kiel aufgewachsen, ist seit Kindertagen ein begeisterter Vogelbeobachter. Zu diesem Thema verfasste, übersetzte und bearbeitete er Bücher und Artikel. Er lebt in Berlin.