Géza Ottlik
Die Schule an der Grenze
528 Seiten 50.90 sFr, 32.00 Euro
ISBN:9783821862217
Mit Szeredy im Schwimmbad, 1957
Wie wir so auf der Sonnenterrasse des Lukács-Bades, an
das Steingeländer gelehnt, dastanden und die vielen, sich
in der Sonne aalenden Zivilisten betrachteten, murmelte
Dani Szeredy irgend etwas vor sich hin. Es war schon immer
seine Gewohnheit gewesen, so leise zu sprechen, aber
ich habe ihn trotzdem stets verstanden. Im übrigen hatte
er dasselbe schon mal gesagt, während wir die ausgetretenen
kleinen Stufen emporgestiegen waren. Und ich hatte
ihm, zwischen zwei Schnaufern, auch geantwortet. »Hm?
Hm …«, oder so was Ähnliches. Eine halbe Stunde zuvor,
am Rande des Bassins, hatte er schon irgendwie geäußert,
daß dies richtige Hundstage seien.
»Eine Affenhitze«, hab ich darauf erwidert. Oder: »Ein
Pfundswetter, mein Lieber« — genau weiß ich es nicht
mehr. Da habe ich noch nicht ahnen können, daß er so viel
zum Auspacken haben würde, obwohl wir uns wirklich
schon lange nicht mehr gesehen hatten. Genauer gesagt:
Geahnt hab ich es schon. Aber das gehört nicht zur Sache.
Seine Fragen habe ich jedenfalls anständig beantwortet.
An diesem Julitag 1957 brütete tatsächlich eine regelrechte
Sommerhitze über Budapest. Wir weideten die
Augen an den schmucken nackten Bäuchen der Leute,
vor allem an denen der Mädchen. Ungezählte Mitbürger
sonnten sich auf den drei großen Sonnenterrassen des
Schwimmbades; die Bänke und die Liegen waren selbstverständlich
alle besetzt. Diesmal widerte mich diese
Menschenansammlung nicht im geringsten an. Vor den
Duschen wartete doch alt und jung so geduldig und ergeben,
fast übertrieben höflich, daß die Reihe an sie käme;
wir alle waren bis über den Rand voll Wohlwollen für
unsere Mitmenschen. Es hatte fast schon den Anschein,
als sei diese viel zu große, weltmännische Höflichkeit
nur die Maske, hinter der wir unsere verschämte Liebe zu
verbergen suchten. Deshalb wunderte es mich, als Szeredy
plötzlich grob wurde.