Der spekulative Vorgang
Dass die freie Marktwirtschaft immer wieder zu spekulativen Phasen neigt, wird allgemein anerkannt. Diese großen und kleinen Vorgänge, bei denen es um Banknoten, Wertpapiere, Immobilien, Kunstwerke und andere Vermögenswerte oder Objekte geht, sind im Verlauf der Jahre und Jahrhunderte ein Bestandteil der Geschichte. Was bisher nicht ausreichend untersucht worden ist, das sind die diesen Vorgängen gemeinsamen Merkmale, die Elemente, die ihre sichere Wiederkehr anzeigen und damit den beachtlichen praktischen Nutzen besitzen, zu ihrem Verständnis und ihrer Vorhersagbarkeit beizutragen. Feste Regeln und ökonomische Kenntnisse eher orthodoxer Provenienz können den Einzelnen und die Finanzwelt nicht schützen in Phasen, in denen sich wieder Euphorie einstellt und allgemeine Verwunderung über den Anstieg der Kurse und Preise und des Wohlstands verbreitet. Die Jagd, mit dabei zu sein, treibt die Preise in die Höhe, und am Ende steht der Zusammenbruch mit seinen unangenehmen und schmerzlichen Nebenwirkungen. Einen Schutz dagegen gibt es nur, wenn man sich ein klares Bild von den Besonderheiten dieser Fluchtbewegungen gemacht hat, die - vorsichtig formuliert - in den Massenwahn führen. Nur dann nimmt der Investor die Warnsignale ernst und hat die Chance, sich zu retten.
Es gibt jedoch wenige Bereiche, in denen solche Warnungen so ungern gesehen werden. Zunächst einmal wird es heißen, das seien Angriffe auf die wunderbare Vermehrung des Reichtums, hinter denen entweder mangelhaftes Verständnis oder hemmungsloser Neid steckten. Am Ende wird sich jedoch die Überzeugungdurchsetzen, dass darin der Mangel an Vertrauen in die dem Markt eigene Vernunft zum Ausdruck komme. Die offenkundigeren Merkmale des spekulativenVorgangs sind für jeden zu erkennen, der sich um ihr Verständnis bemüht. Durch irgendein Produkt oder eine Entwicklung, scheinbar neu oder erstrebenswert -- Tulpen in Holland, Gold in Louisiana, Immobilien in Florida, die erstaunlichen Wirtschaftspläne Ronald Reagans --, wird der wirtschaftliche Verstand beziehungsweise eher das, was man dafür hält, eingelullt. Der Preis für das Spekulationsobjekt steigt. Wertpapiere, Grundstücke, Kunstwerke und andere Besitztümer, die heute erstanden werden, sind morgen mehr wert. Dieser Anstieg und die Aussichten locken weitere Käufer an; die neuen Käufer sichern einen weiteren Anstieg. Aber immer mehr werden angelockt; immer mehr kaufen; der Anstieg setzt sich fort. Die Spekulation entwickelt ganz von selbst eine Eigendynamik. Dieser Prozess ist, sobald man ihn einmal durchschaut hat, eindeutig, besonders natürlich im Nachhinein. Ebenso sind die grundlegenden Verhaltensweisen der Beteiligten durchsichtig, wenngleich es dabei allerlei individuelle Besonderheiten gibt. Das Verhalten nimmt zwei Formen an. Es gibt einerseits diejenigen, die sich einreden lassen, irgendein neuer preissteigernder Umstand sei wirksam. Solche Leute rechnen damit, dass der Markt, womöglich unbegrenzt, weiter floriert. Er passt sich in ihrer Sicht nur einer neuen Situation an, einer neuen Welt mächtiger, ja grenzenlos wachsender Erträge und entsprechender Preise. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die auf den ersten Blick gescheiter und meistens in der Minderheit sind. Sie erkennen das spekulative Element des Augenblicks oder glauben es zu erkennen. Sie sind zur Stelle, um sich von der Woge nach oben tragen zu lassen; sie sind überzeugt, dass ihre Intelligenz sie in die Lage versetzt, auszusteigen, bevor die Spekulation sich totläuft. Sie werden das Letzte aus diesem Anstieg herausholen, solange er anhält; sie werden vor dem endgültigen Einbruch Kasse machen. Denn ein fester Bestandteil dieses Szenarios ist der unvermeidliche Zusammenbruch. Eingebaut ist auch, dass er nicht sanft oder allmählich eintritt. Wenn er kommt, dann zeigt er die Züge einer Katastrophe. Aus diesem Grund sind beide Gruppen der an der Spekulation Beteiligten auf einen plötzlichen Ausstiegsversuch vorprogrammiert. Irgendetwas - meistens eine Kleinigkeit, obwohl immer ausgiebig darüber diskutiert wird - löst die Umkehr aus. Wer auf den Aufwärtstrend spekuliert hat, erklärt nun, dass der Augenblick gekommen sei auszusteigen. Wer geglaubt hatte, der Anstieg währe ewig, wird abrupt zurück auf den Boden der Tatsachen geholt, und auch er reagiert stracks auf die neu erkannte Wirklichkeit und verkauft oder versucht zu verkaufen. Daher der Zusammenbruch. Und daher auch die Regel, die durch die Erfahrung von Jahrhunderten gestützt wird: Die Spekulation endet nie verhalten, sondern immer mit einem lauten Knall. Wir werden genügend Gelegenheit haben, zu beobachten, wie diese Regel sich ein ums andere Mal bewahrheitet.